Zahlen zum
Kinder- und Jugendtourismus in Deutschland
Ende 1999 lebten in Deutschland
nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 17,52 Mio. Personen im Alter von
mindestens 8 Jahren bis unter 27 Jahren. Der Anteil dieser Altersjahrgänge an
der gesamten Wohnbevölkerung betrug 21,3%. Aus dieser Personengruppe schöpfen
die Kinder- und Jugendreiseangebote insgesamt, die in Deutschland gemacht
werden.
Keineswegs alle diese Menschen gehörten zur so genannten
deutschen Leitkultur, 2,17 Mio. Menschen aus dieser Altersgruppe, das entspricht
12,4%, hatten eine andere Staatsangehörigkeit und zusätzlich eine auf Grund
vermehrter Einbürgerung steigende Zahl einen anderen kulturellen Hintergrund.
Anbieter, die nicht bereit oder in der Lage sind, in Deutschland lebende Kinder
und Jugendliche aus anderen Kulturen anzusprechen, verlieren also sofort
erhebliche Teile ihres Gästepotenzials.
Die Reiseintensität in diesen jungen Altersgruppen war
traditionell hoch. Genaue Zahlen liegen allerdings erst für das Alter ab 14
Jahre vor. Sie werden regelmäßig von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und
Reisen e.V. in der "Reiseanalyse" erhoben. Für 1998 wird darin in der
Altersstufe 14 bis unter 19 Jahre 78,2% Reiseintensität ausgewiesen, 1,8% mehr
als in der Gesamtbevölkerung. Das bedeutet, 78,2% aller Jugendlichen in diesen
Jahrgängen, insgesamt 3,7 Mio. Jugendliche aus Deutschland, unternahmen 1998
mindestens eine Reise von mindestens 5 Tagen Dauer. Die Anzahl der unternommenen
Reisen betrug durch Mehrfachreisen eines Teils der Altersgruppe sogar 4,7 Mio.
Der weitaus größte Teil der in Deutschland lebenden Kinder
und Jugendlichen reiste nicht allein. Das taten nur 4%. Am häufigsten waren
Reisen zusammen mit Familienangehörigen, meist also wohl Eltern, obwohl es
natürlich auch Großeltern oder Geschwister sein könnten. In der
"Reiseanalyse" der Forschungsgruppe Urlaub und Reisen wurden für die
ab 14 bis unter 19 Jahre alten Personen je nach Organisationsform der Reise nur
zwischen 30 und 43% ohne Begleitung durch Familienangehörige gezählt.
26,7% der von Jugendlichen 1998 unternommenen Reisen hatten
Ziele im Inland, 73,3% der Ziele lagen außerhalb Deutschlands. Dieser hohe
Auslandsanteil wird auch durch eigene Erhebungen des BundesForum im Rahmen der
Angebotserfassung für Kinder- und Jugendreisen gestützt. In der Datenbank des
Projekts "Ferienbörse" mit über 30.000 Einträgen für angebotene
Reisen im Jahr 2000 lagen Spanien und Frankreich als Zielländer vor
Deutschland.
Insbesondere bei Reisen für Kinder ohne Eltern haben
gemeinnützige Organisationen eine sehr hohe Bedeutung. Dies verdeutlicht auch
die Untersuchung "Kinder und Urlaub" von iconkids & youth
international research GmbH im Auftrag des BundesForum. Dabei wurden für Kinder
zwischen 8 und 13, das heißt unter 14 Jahren, in 71% der Fälle
nicht-gewerbliche Institutionen als Veranstalter der betreuten Kinderreise ohne
Eltern genannt. Mit 23 bzw. 19% lagen Sportvereine und Kirche an der Spitze der
Nennungen.
Der Anteil gewerblicher Reiseangebote für Kinder und
Jugendliche ohne Eltern betrug bei den in dieser Altersgruppe Befragten
insgesamt 25 %. Angesichts der geringen Fallzahlen scheint es nicht sinnvoll,
den etwas höheren Anteil gewerblicher Reisen bei den befragten Mädchen als
gesichert zu interpretieren. Sehr auffallend ist aber der drastische Rückgang
des Marktanteils von institutionellen Anbietern bereits zwischen den
Altersgruppen 10-11 bzw. 12-13 Jahren. Während bei den Jüngeren noch mehr als
80 % eine Institution als Reiseveranstalter nennen, sind es bei den Älteren nur
noch 52 %. Mit steigendem Alter sinkt der Anteil gemeinnütziger Reiseanbieter
bei den betreuten Pauschalreisen offensichtlich sehr schnell. Wenn etwa ab 16
Jahre die ganze Breite der Pauschalreisen buchbar wird, reduziert er sich von
der Ausgangslage 80 % bei jüngeren Kindern auf nur noch (geschätzt) 15 % bei
Jugendlichen und unter 10% bei jungen Erwachsenen, die bis 26 auch noch
berechtigt wären, im gemeinnützigen Jugendreisebereich teilzunehmen.
Da die Zahl gewerblicher Angebote für Kinder- und
Jugendreisen ohne Eltern in der Altersgruppe der Minderjährigen sehr gering ist
und neben RUF-Jugendreisen als Marktführer nur noch deutlich kleinere Anbieter
auftreten, führt der hohe Anteil von gewerblichen Veranstaltern in der Nennung
durch reisende Kinder- und Jugendliche zu der festen Vermutung, dass die
notwendige Menge betreuter, gewerblicher Kinder- und Jugendreisen gar nicht auf
dem Markt ist. Damit aber stellt sich zwingend eine Reihe von dringend
klärungsbedürftigen Fragen:
Ist das Erscheinungsbild gemeinnütziger Ferienangebote für
ältere Kinder und Jugendliche so stark dem in allgemeinen Tourismus üblichen
angeglichen, dass der Jugendhilfecharakter nicht mehr sichtbar ist und befragte
Kinder und Jugendliche antworten, sie seien mit einem "richtigen"
Reiseunternehmen gereist?
Ist bei Buchung im Reisebüro - und späterer Angabe des optisch dominant
ausgewiesenen Leitveranstalters als vermeintlich genutzter Veranstalter - der
Anteil der wirklich verkauften Reisen aus dem lokalen bzw. regionalen
gemeinnützigen Bereich viel höher als je gedacht? Ist der vieldiskutierte
Reisebürovertrieb gemeinnütziger Träger auf der Ortsebene längst Realität?
Oder verschwinden diese immerhin noch minderjährigen Jugendlichen, ohne über
die Sprechstunden von Reiseleitern hinausgehende Beaufsichtigung, im allgemeinen
Pauschaltourismus? Ist es vorstellbar, dass die im Jugendreisebereich nicht
aktiven, preiswerten Großveranstalter Buchungen von in Kleinstgruppen durch die
nicht mitreisenden Eltern angemeldeten Jugendlichen für ganz normale
Pauschalreisen akzeptieren? Sind sich etwa Jugendliche, Eltern und Veranstalter
darüber einig, dass ein Appartement in einer großen Anlage am Mittelmeer für
zwei gemeinsam reisende sechzehnjährige Freundinnen kein Problem ist? Ist die
gesetzliche Fiktion von Aufsicht und Erziehung bis zur Volljährigkeit von der
Wirklichkeit längst überholt?