Kinder-
und Jugendreisen als politische Aufgabe
Lang, lang ist's her
Die große Zeit des geförderten
Jugendreisens auf der Bundesebene waren die 60er und 70er Jahre. Es gab im
damaligen Bundesjugendplan mehrere Stellen für Leitung und Qualifizierung der
gemeinnützigen Reisedienste, einen besonderen Förderbereich Europäische
Jugendwochen für die Teilnehmerförderung, Investitionsmittel für Kauf und
Bau von Ferienanlagen im In- und Ausland, die so genannten Europäischen Jugendhäuser,
und Zuschüsse für den Langzeiteinsatz von Jugendreiseleitern in solchen
Ferienzentren. Politisch war der gesamte Sektor bestens abgesichert, denn in den
Gremien des Marktführers Fahr mit saßen die Schatzmeister der
Bundestagsparteien einträchtig zusammen.
Von dieser historischen Situation ist das
Kinder- und Jugendreisen heute meilenweit entfernt. Der Kinder- und Jugendplan
des Bundes schließt in seinen Richtlinien Maßnahmen, die der Erholung und dem
Tourismus dienen, ausdrücklich von der Förderung aus. Die Europäischen
Jugendhäuser sind nach dem zweimaligen Konkurs von Fahr mit längst
verkauft, einen Förderbereich Europäische Jugendwochen oder Langzeiteinsatz
von Jugendreiseleitern gibt es nicht mehr, die Zahl der Stellen ist auf eine
beim BundesForum und zwei halbe bei der evangelischen und katholischen
Bundesarbeitsgemeinschaft geschrumpft.
Qualitätserhöhung als einziger
Hoffnungsschimmer
Als Teilbereich der Internationalen
Jugendarbeit wird aber die Qualifizierung der pädagogischen Arbeit bei
Jugendauslandsreisen der Jugendhilfe weiter gefördert. Und dieser Bereich hat,
auch das verdient festgehalten zu werden, einen guten Ruf als Quelle innovativer
Impulse. Insofern gibt es auch heute noch Teilbereiche mit Grund zur Hoffnung.
Direkte Folge der starken
Volumenreduzierung und der Abgrenzung vom Tourismus, der in den Augen von
Jugendpolitikern anscheinend immer noch als erzieherisch wertlose Form des
Reisens zu betrachten ist, und der Zuordnung als niedrig schwelliger Einstieg zur
Internationalen Jugendarbeit (das heißt dann wohl auch, wenn der an sich
wertlose Jugendtourismus genügend qualifiziert wird, könnte doch noch echt
wertvolle Begegnungsarbeit daraus werden) ist jedoch, dass im Bereich des BMFSFJ
kein besonderes Bemühen um eigenständige Mitgestaltung des Kinder- und
Jugendtourismus in Deutschland erkennbar ist. Working Holidays machen
mehrheitlich die Bundesministerien für Arbeit bzw. Inneres, Reiserechtsänderung
im Blick auf langfristige Familienaufenthalte mit Sprachschulbesuch der
Justizminister, Änderungen im Personenbeförderungsrecht die Länder mit den
Bundesministerien für Verkehr und Justiz, Jugend-Incoming und Werbung für
Deutschland als Jugendreiseziel das Bundeswirtschaftsministerium und die
Deutsche Zentrale für Tourismus. Das BMFSFJ wird informiert und zeichnet
gelegentlich pflichtgemäß mit, nimmt jedoch wenig aktiven Einfluss. Insofern lässt
sich dann auch eine Position des BMFSFJ zum Kinder- und Jugendreisen nur aus
allgemeinen politischen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendpolitik ableiten.
Bestenfalls mit der Verschärfung, dass ein Randbereich, der allgemeine
politische Vorgaben nicht umsetzt, wie jeder Wurmfortsatz schnell und gefahrlos
entfernt werden kann.
Veröffentlichte Ziele
Hauptquelle für Erkenntnisse über die
Position der Bundesregierung zu Kinder- und Jugendreisen als Teil der
Jugendhilfe sind die Richtlinien zum Kinder- und Jugendplan des Bundes. An ganz
prominenter Stelle (Allgemeine Grundsätze, Aufgaben von besonderer Bedeutung)
nennen diese Richtlinien als Ziele:
Genau diese Ziele, erweitert um
interkulturelles Lernen, Nachhaltigkeit, Beteiligung von Benachteiligten wurden
auch in einem Gespräch, das der Vorstand des BundesForum mit der für die
Jugendferiendienste zuständigen Referatsleiterin im BMFSFJ, Referat 507 führte,
als Prioritäten genannt. Zusätzlich
spielte die Kooperation mit Beitrittsländern angesichts der bevorstehenden
Osterweiterung der EU eine größere Rolle.
Und nicht erst seit dem vernichtenden
Ergebnis der PISA-Studie wird als zentraler Begriff die Entwicklung Deutschlands
zu einer Wissensgesellschaft diskutiert.
Für das BundesForum, seine Mitglieder und
Partner bzw. die gesamte öffentlich geförderte Jugendreiseszene der
Bundesrepublik stellen diese politischen Ziele eine große Herausforderung dar.
Wie sollen Reiseformen der Jugendhilfe für den Übergang zur
Wissensgesellschaft aussehen, wenn die Szene gerade die These des Marktführers
vom Paradigmenwechsel weg von Lernen hin zu Spaß reflektiert oder sich in alte,
längst überholte Gräben von gemeinnützig und gewerblich zu flüchten
versucht? Wie können neue Themenfelder und Arbeitsformen entwickelt werden,
wenn bei der Frage nach künftigen Förderanträgen zuerst und sehr entschieden
Bestandsschutz gefordert wird, was in manchen Ohren sehr schnell als
bewusst veränderungsresistent und strukturkonservativ ankommt und mit den im §1
Absatz 1 der Richtlinien geforderten neuen Wegen in der Jugendhilfe erheblich
kollidiert.
Da passt es als Verschärfung bestens ins
Bild, dass die Richtlinien zum KJP in §4 Absatz 2 (a) formuliert: Nicht als
Jugendhilfe anerkannt und demnach nicht gefördert werden können Maßnahmen,
die ... der Erholung oder der Touristik dienen. Und das ist dann einen Satz vor
Maßnahmen mit agitatorischen Zielen.
Aktionsplan Jugendtourismus als Gradmesser
In dieser Situation richten sich große
Hoffnungen auf den im Entstehen begriffenen Aktionsplan Jugendtourismus, dessen
Anfänge in einer Anhörung im Tourismusausschuss des Bundestages Mitte 2000
lagen. Die dazu beim BundesForum in einem Diskussionsforum im Internet geführte
Debatte erlangte erfreulich viel Einfluss auf die inzwischen entstandenen
Textfassungen für einen fraktionsübergreifenden Antrag noch in dieser
Legislaturperiode. Da es aber noch keine offizielle Endfassung des Antrags gibt,
wird an dieser Stelle die Behandlung von möglichen Details unterlassen.
Viel gravierender als alle
Einzelregelungen erscheint eine Grundsatzfrage: Bedeutet das massiv gestiegene
Interesse am Kinder- und Jugendtourismus in anderen Politikbereichen als Jugend-
und Sozialpolitik, dass das Arbeitsfeld dabei ist, seine traditionelle
politische Verortung zu verlieren und voll dem Wirtschaftsbereich zugeordnet zu
werden?
Ist das Entstehen neuer Jugendunterkünfte
und dazugehörender Kooperationsebenen nur der Vorbote grundlegender Veränderungen?
Als in den 70er Jahren der große gemeinnützige Veranstalter Fahr mit
endgültig zusammenbrach, suchten sich dessen 100.000 Kunden keineswegs neue
gemeinnützige Veranstalter. Veranstaltermarken wie Club 28 oder Twen
Tours wuchsen stattdessen zu ungeahnter Größe, allerdings ohne Reisen für
jüngere Jugendliche oder gar Kinder aufzulegen. Gut möglich, dass das in
Meldungen der Tagespresse erwähnte Entstehen des ersten Angebots für
unbegleitete Minderjährige beim Großveranstalter ITS signalisiert, dass
Kinder- und Jugendreisen in Deutschland vor einer neuen, radikalen Veränderung
stehen. Das Marktsegment könnte erstmals für Großveranstalter interessant
geworden sein. Dann macht es besonders viel Sinn, die Gestaltung der politischen
Rahmenbedingungen in die vertrauten Ministerien herüberzuziehen.
© by Jens-D. Kosmale, BundesForum Kinder- und Jugendreisen
e.V.;
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